Stadt Kempten Kempten erleben Die Geschichte Kemptens Kempten im Nationalsozialismus

Nationalsozialismus und Erinnerungskultur

 

Diskussion um Richard Knussert

 

Richard Knussert (1907-1966) war Gymnasialprofessor (u.a. am Carl von Linde Gymnasium Kempten), und Erforscher römischer Straßen im Allgäu und der näheren Umgebung. Während des Nationalsozialismus war er Mitglied der NSDAP und als Funktionär in leitender Position tätig. Eine Straße im Bereich des Lindenberg (Kempten) trägt seinen Namen.

 

Ausgangspunkt der Diskussion um die öffentliche Ehrung Richard Knusserts durch einen Straßennamen ist ein Schreiben an Herrn Oberbürgermeister Thomas Kiechle durch Herrn Prof. (i.R.) Dr. Georg Karg und Dr. Michael Mayr, das auf den 2. Juli 2018 datiert ist. Die beiden ehemaligen Schüler des Gymnasiallehrers schildern Knussert als fähigen und engagierten Lehrer, allerdings auch als Verehrer des Nationalsozialismus (u.a. Hitler als Genie, Leugnung des Holocaust).

Die Unterzeichner wenden sich mit der Bitte an die Stadt Kempten (Allgäu), sich angesichts der Ehrung Knusserts durch einen Straßennamen mit dessen Vita und dem Wirken zu beschäftigen.

Eine Infragestellung der Würdigung Knusserts wurde von Seiten der Stadt zunächst abgelehnt, da der ehemalige Gaukulturwart laut seiner Spruchkammerakte nach dem zweiten Weltkrieg als Mitläufer eingestuft und damit von größeren Vergehen freigesprochen wurde.

 

Zwischenzeitlich gibt es zahlreiche Beiträge zur Diskussion, v.a. in Form von Zeitungsartikeln, Briefen und E-Mails. Die Umbenennung der Straße wurde gefordert, ebenso wie die Beibehaltung des Straßennamens.

Eine wissenschaftlich saubere Untersuchung als Basis jeder Neubewertung ist unabdingbar. Durch Vermittlung und in enger Abstimmung mit Privatdozentin Dr. Martina Steber, der stellvertretenden Leiterin der Forschungsabteilung München am IfZ (Institut für Zeitgeschichte) gab das Kulturamt der Stadt 2018 ein Gutachten in Auftrag, das die Aktivitäten Knusserts während des Nationalsozialismus erforscht. Dafür konnte Frau Rothenhäusler, eine Doktorandin Stebers, gewonnen werden.

 

 

Bewertung des Gutachtens und weitere Beschlüsse

 

Der Umgang mit Umbenennungsbestrebungen ist deutschlandweit sehr unterschiedlich. Für Kempten liegt bisher kein klar definiertes Verfahren vor. Die Umbenennung der General-Dietl-Straße 1993 stellte einen Präzedenzfall dar und wurde von emotional geführten Diskussionen im Vorfeld begleitet.

Kommunen, die sich mit der Untersuchung und Bewertung ihrer Straßennamen befassen (zumeist in einer interdisziplinär besetzen Kommission) und sich für Umbenennungen entscheiden unterscheiden oft nach drei Kategorien:

 

  1. Unbedenkliche Straßennamen
  2. Straßennamen, die einer Erläuterung bedürfen und auch vor Ort mit einer solchen versehen werden
  3. Straßennahmen, die nicht tragbar sind, umbenannt werden und mit einem Hinweis auf ihre frühere Benennung versehen werden

Den Beschluss über eine Einordnung in eine dieser Kategorien und daraus folgende Beschlüsse trifft der Stadtrat.

 

 

Erkenntnisgewinn aus den aktuellen Diskussionen

 

Das Fallbeispiel Knussert zeigt zwei wesentliche Desiderate auf:

 

  • Aufarbeitung „Kempten im Nationalsozialismus“

Unabhängig von der konkreten Fragestellung nach der Bewertung Richard Knusserts ist es notwendig, die Zeit des Nationalsozialismus stärker ins Bewusstsein zu rücken und zu erforschen. Das zeigt nicht zuletzt die Diskussion, die innerhalb der letzten Wochen nach einem Vortrag Martina Stebers angestoßen wurde. Diese Aufarbeitung kann nur durch ein breit angelegtes Projekt erfolgen, das wissenschaftlich betreut wird, gleichzeitig aber in der Mitte der Bevölkerung angesiedelt ist.

 

  • Umgang mit Erinnerungskultur in Kempten

Eine Diskussion zum Thema „Erinnerungskultur“ steht für Kempten noch aus. Wie will Kempten mit Ereignissen seiner Geschichte umgehen, die einer Diskussion und einer tiefergehenden Betrachtung bedürfen?  Sichtbar wird dieser Diskussionsbedarf am Beispiel der Straßennamen, betrifft aber auch die Erinnerung an Orte und Ereignisse, die davon unabhängig sind, wie die Erinnerung an die KZ-Außenstelle auf dem Gelände der heutigen Allgäuhalle oder die Erinnerung an die Geschichte der Heimatvertriebenen nach dem zweiten Weltkrieg.

 

 

 

Weitere Schritte

 

Am 30.07.2020 wurde das Gutachten zu Richard Knussert in der Sitzung des Stadtrates vorgestellt.

Der Stadtrat entschloss sich daraufhin zu einer Umbenennung der Knussert-Strasse. Die Verwaltung wurde mit der Erarbeitung eines Projektes zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Kempten beauftragt, das wissenschaftliche Forschung und partizipative Formate verbindet und in der Mitte der Kemptener Gesellschaft angelegt sein soll. Weiterhin soll das Thema „Erinnerungskultur“ für Kempten untersucht werden.

 

Das Gutachten zu "Richard Knussert im Nationalsozialismus" können Sie hier einsehen:

Vollständiges Gutachten

Kurzversion

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