Straßennamen auf dem Prüfstand – Der kritische Umgang der Stadt Kempten mit der Benennung von Straßen und Plätzen
Straßennamen sind traditionell eine Form der öffentlichen Ehrerbietung und sollen herausragende Persönlichkeiten würdigen.
Jede Epoche hält andere Menschen für vorbildlich und möchte an sie erinnern. Auch die Stadt Kempten hat in ihrer Geschichte immer wieder Straßennamen für prominente Personen vergeben – und auch wieder entzogen, weil sich die Werte und das Selbstbild der Stadt änderten.
Erste Umbenennung aufgrund NS-Verstrickung: Richard Knussert
Im September 2022 hatte der Kemptener Stadtrat die Umbenennung der Knussertstraße in Franz-Sperr-Straße beschlossen. Anlass dafür waren die NSDAP-Vergangenheit von Richard Knussert und seine spätere Holocaust-Leugnung. Franz Sperr aus Kempten war im bürgerlichen Widerstand aktiv.
Prüfung von Straßennamen nach systematischen Kriterien
Seitdem hat die von der Stadt Kempten eingesetzte Kommission für Erinnerungskultur Kriterien für die zukünftige Benennung von Straßen und Plätzen erarbeitet und die bestehenden Straßennamen überprüft.
Sie untersuchte systematisch und wissenschaftlich begleitet 85 Straßennamen. Darunter waren 82 Personen, die während der NS-Diktatur gelebt haben oder mit ihrer Ideologie in Verbindung stehen.
Im Frühjahr 2026 fasste die Kommission für Erinnerungskultur ihre Ergebnisse in einem Arbeitsbericht zur Prüfung der Straßennamen zusammen. Der Bericht wurde am 23.04.2026 dem Kemptener Stadtrat in einer öffentlichen Sitzung vorgestellt.
Ergebnisse der Straßennamen-Prüfung
Die Kommission für Erinnerungskultur empfiehlt in ihrem Arbeitsbericht die Umbenennung von acht nach Personen benannten Straßen. Sie hält außerdem die Kontextualisierung von 28 Straßennamen für wichtig. Sie sollen in einer geeigneten Form kenntlich gemacht, aber nicht umbenannt werden. Darunter sind Personen, bei denen die Forschungsergebnisse zeigen, dass sie vom Nationalsozialismus profitierten, ihn direkt oder über ihre Arbeit beförderten oder ihn unterstützen.
Acht Umbenennungsempfehlungen
Für folgende Personen wird eine Umbenennung empfohlen: Claude Dornier, Else Eberhard-Schobacher, August Fischer, Dr. Otto Merkt, Wilhelm (Willy) Messerschmitt, Ferdinand Porsche, Dr. Josef Rottenkolber, Ludwig Thoma.
26 Kontextualisierungsempfehlungen
Bei diesen Personen empfiehlt die Kommission eine erläuternde Kontextualisierung ohne Umbenennung: Karl Böhm, Thomas Dachser, Hermann Dietze, Dr. Peter Dörfler, Ernst Enzensperger, Dr. Josef Freundorfer, Gerhart Hauptmann, Josef Hengge, Jakob Herz, Friedrich Hieber, Martin Kellenberger, Heinrich (Heini) Klopfer, Alfred Kremser, Dr. Franz Lehrndorfer, Gustav Rett, Hans Schnitzer, Eugen Georg Schraudy, Gottlob Schüßel, Annette Thoma, Franz Christian Tröger, Franz Xaver Unterseher, Maximilian Vicari, Franz Weiß, Dr. Dr. Alfred Weitnauer, Heinrich Zölch, Konrad Zuse.
Außerdem sollen die beiden Regionen „Rheinland“ und „Saarland“ als Propagandabegriffe der deutschen Expansionspolitik eingeordnet werden.
Weitere Schritte: Umsetzung der Empfehlungen wird diskutiert
Der Stadtrat würdigte in der öffentlichen Sitzung am 23. April 2026 fraktionsübergreifend die Arbeit der Kommission für Erinnerungskultur. Er hat nun zu entscheiden, wie weit er ihren fundierten Empfehlungen folgt. Dazu muss der Stadtrat einen förmlichen Beschluss fassen und die Umbenennungen und Kontextualisierungen festlegen.
HINTERGRUNDINFORMATIONEN
Kriterien für Straßennamen der Kommission für Erinnerungskultur in Kempten
Die Kommission für Erinnerungskultur erarbeitete außerdem mit den „Handreichungen“ des Deutschen Städtetags von 2021 einen auf Kempten abgestimmten Kriterienkatalog für künftige Straßenbenennungen. Als Grundannahme war ihr dabei wichtig, die Vielfalt und Pluralität der Gesellschaft abzubilden.
Entscheidend für die Benennung von Straßen nach Personen ist nach dem Kemptener Kriterienkatalog der Vorbildcharakter der Person in Bezug auf Gemeinwohl, Demokratie und Rechtsstaat sowie herausragendes soziales, wissenschaftliches oder kulturelles Engagement.
Außerdem ist die Benennung von Straßen nach Opfern von Gewalt oder nach Widerstandskämpfer:innen möglich.
- Kriterien für zukünftige Straßenbenennungen
Mehr zur ersten Kemptener Straßenumbenennung im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus
Auf dieser Grundlage hatte die Kommission für Erinnerungskultur dem Stadtrat 2022 die Empfehlung gegeben, die damalige Knussertstraße in Franz-Sperr-Straße umzubenennen.
Franz Sperr (1878-1945) sollte mit einem Straßennamen geehrt werden, da er zu einer bürgerlichen Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten gehörte. Dieser Empfehlung folgte der Kemptener Stadtrat und beschloss die Umbenennung der Straße in seiner Sitzung am 29. September 2022.
„Das Konzept der interdisziplinär besetzten Kommission hat der Stadt Kempten bereits große Dienste erwiesen, die Empfehlungen sind durchdacht und konnten von mir und vom Stadtrat direkt mitgetragen werden“, so Oberbürgermeister Thomas Kiechle nach der Beschlussfassung 2022.
Franz Sperr stammte aus demselben bürgerlichen Milieu wie Richard Knussert. Er stellt jedoch mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus den Gegenentwurf zu Richard Knusserts Unterstützung des Regimes dar.
- Empfehlung zur Umbenennung der Knussertstraße in Kempten (Allgäu)
Informationen zur Kommission für Erinnerungskultur finden Sie -> Die Arbeit der Kommission für Erinnerungskultur
Foto: Heimatverein Kempten (Allgäu) e.V. / Ralf Lienert