Förderpreis der Dr. Rudolf Zorn Stiftung 2025
Der 32-jährige Künstler Philipp Keidler wird von der Jury für seine installative Arbeit „Aus der Tiefe in den Raum“ mit dem Förderpreis der Dr.-Rudolf-Zorn-Stiftung 2025 ausgezeichnet.
Philipp Keidler über seine Arbeit „Aus der Tiefe in den Raum“:
Meinen künstlerischen Arbeiten liegt häufig eine wissenschaftliche Herangehensweise zugrunde. Die Recherche gibt mir Inspiration, mich künstlerisch-forschend Prozessen anzunähern und diese in einen neuen Kontext zu setzen.
Mit Fotografien, Plastiken, Tonaufnahmen und Texten schaffe ich Beziehungen zwischen einzelnen Themen und bewege mich damit stets zwischen einem Spannungsfeld von Authentizität und Fiktion.
Ausgangspunkt für die Arbeit „Aus der Tiefe in den Raum“ ist die alte Kalihalde Teutschenthal bei Halle (Saale). Die seltsam idyllische Natur der Industriebrache mit dem weißen Berg im Hintergrund erinnert mich an meine Heimat, die Allgäuer Alpen.
In der weiteren Beschäftigung mit dem Ort erfuhr ich, dass die untertägigen Hohlräume des ehemaligen Salzbergwerks von der Firma GTS mit hochgiftigen Abfällen, wie Industrieschlacken, verfüllt werden. Die GTS erwarb den Stollen von der Treuhand, um ihn
im Versatzverfahren bergmännisch zu sichern. Der Versatz soll Gebirgsstürze mit Erdbeben an der Tagesoberfläche verhindern. Die GTS ist seit 2008 Tochtergesellschaft eines im Allgäu ansässigen Bau-und Deponieunternehmen, welches nach dem Kauf den Versatz im Bergwerk auf über 200.000 Tonnen Industrieabfälle jährlich steigerte.
„Aus der Tiefe in den Raum“ zeigt die Überlagerungen von Idylle und Dystopie.
Die schlichte Oberfläche der Objekte aus Bau- und Rohstoffen wird gebrochen von Geräuschen, mittels Geophon abgehört aus den Tiefen des Stollens und der Allgäuer Täler. Die geschichteten Klänge machen das Unsichtbare hörbar und schaffen einen Zugang zum Bergbau in 700m Tiefe.
Die Arbeit lädt dazu ein, eine immersive, intime Begegnung mit dem postindustriellen Zerfall und der (scheinbaren) Idylle von Heimat zu machen. Die Unsicherheit bleibt, was vertraut und was befremdlich ist.
Begründung der Jury:
Philipp Keidler hat in Halle an der Burg Giebichenstein studiert. In Halle wurde er aufmerksam auf ein Bergwerk, in dem jahrzehntelang Salz abgebaut wurde und jetzt Müll gelagert wird. Dort in dem Bergwerk hatte er die Töne für seine Audiostation aufgenommen. Diese Arbeit transformierte er und verbindet sie jetzt mit dem Allgäu. In der Soundinstallation kombiniert er die Geräusche des Allgäus mit den Interviews der Arbeiterinnen und Arbeiter in Halle.
Sein Werk ist eine Säule, die aus der Erde herauszuwachsen scheint und als Stethoskop dient, das in die Erde hineinhorcht. Es ist eine sehr reduzierte und doch doppelbödige Arbeit mit einer präzisen formalen Ästhetik, die einen komplexen Zusammenhang von Müllentsorgung und Allgäu-Idylle schafft. Die Skulptur stellt die Verbindung vom Boden in die Höhe her und macht das eigentlich Unsichtbare sichtbar.
Philipp Keidler stellt mit seinem Werk die Frage, was unter dieser idyllischen Oberfläche, der perfekten Postkarten-Kulisse an Schichten abgelagert ist und welche Strukturen sich darunter verbergen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine sehr tiefgründige Arbeit. Wie der Künstler solche komplexen Fragestellungen in eine überzeugende künstlerisch-ästhetische Form bringt, macht dieses Werk absolut preiswürdig.
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Portraitfoto des Künstlers Philip Keidler, Foto: Foto Sienz
Videoportrait des Künstlers von dem Videograph Daniel Munding
Videoportrait Philipp Keidler